Revision Ford 3.0 ESSEX V6-Motor

Im Keller liegen/lagen bei mir mehrere 3.0 ESSEX rum. Leider schon länger und zum Teil mit unbekannter Laufleistung. Also höchste Zeit, einen Motor von Grund auf zu überholen. Meine Wahl fiel auf einen Motor von dem ich sicher weiss, dass er erst 67.219km runter hat, aus erster Hand ist und bisher nicht geöffnet wurde. Die Bilder und Texte mögen Gleichgesinnten als Hilfe/Inspiration gelten...

Um diesen Klotz handelt es sich: schön verdreckt und serienmässig. Die Demontage habe ich - nicht zuletzt wegen fortschreitender Vergesslichkeit - fotografisch dokumentiert.

Kennzeichnungen:

gelbe Farbe an der Motornummer: WE54062, HYF, 9D02 // der Bohrungsdurchmesser aller Zylinder gleichmässig bei 93,65mm - Kolbendurchmesser 93,60 mm

An der ersten Wange der Kurbelwelle ein gelber Punkt rechts und grüne Striche links, die 2 Wange der Kurbelwelle aussen komplett gelb - die Hauptlagerdeckel an der Aussenseite mit Resten gelber (weisser?) Farbe markiert // Aussendurchmesser der Hauptlagergasse im Block 67,70mm - Durchmesser der Kurbelwellenzapfen der Hauptlager: 63,27mm, Kennzeichnung auf den Hauptlagerschalen: FORD 732M-6333 D-A CL77-5B, Dicke der Schalen: 2,20mm // Innendurchmesser des unteren Pleuelauges: 64,05mm, Durchmesser der Kurbelwellenzapfen der Pleuellager: 60,36mm, Dicke der Pleuellagerschalen 1,85mm, Kennzeichnung auf den Pleuellagerschalen: 732M-6211 A-A CL 77 8G

Nockenwelle ohne erkennbare Markierungen // Maße folgen unten // Kennzeichnung Nr. 1: FORD 6263 A, Nr.2: FORD 6270A-2721E, Nr.3: FORD 6262E-2724E, Nr.4: FORD 6261A-2724E 

(Mein) Fazit:  Mit meinen bescheidenen Meßmethoden habe ich herausgefunden, dass mein Motor Serienkolbenbohrungen hat, die Pleuellagerschalen ebenfalls Serienmaß haben und die Kurbelwellenlager aussen Serienmaß haben (es gab auch Blöcke, bei denen die Hauptlagergasse um 0,15"/0,38mm aufgebohrt war) und innen das erste Übermaß von 0,10"/0,25mm haben. 

Die Texte hinsichtlich der Bedeutungen der Farbmarkierungen für die Lagermasse, die ich in meinen vorhandenen Reparaturanleitungen gefunden habe sind vollkommen idiotisch...da wahrscheinlich von den deutschen V6 einfach für den englischen ESSEX "abgeschrieben". Weiterhin unerklärlich sind mir auch die FORD Bezeichnungen auf den Lagerschalen: A-A als Standart hätte ich noch verstanden, aber D-A für das erste Übermaß passt in meine Logik nicht rein. Sei's drum: immer nachmessen! Hier Bilder der Markierungen:

Den Motorblock habe ich dann komplett auseinandergenommen und bin in den Wasserkanälen auf wahre kristalline Wunderwelten in Spinnennetzform gestossen, wohl eine Hinterlassenschaft einer Dose "Kühlerdicht", die ich vor Jahren mal in den Kühler gekippt hatte (ja, die Sünden der Vergangenheit holen einen ein...): das dauerte etwas länger hier den gröbsten Dreck rauszufummeln.

Die nächste Freude bereitende Überraschung war neben einer abgebrochenen Schraube der Wasserpumpe die Madenschrauben der Ölkanäle (insgesamt 5 Stück): bis auf eine, habe ich die Inbus-Aufnahmen alle schön rundgedreht. Ein Linksausdreher half -aufgrund des hinlänglich in der Literatur beschriebenen Spreizeffektes - auch nichts. Abhile schafte erst das komplette Aufbohren und Ausdrehen mit dem "screw extractor" von KS-Tools, dessen scharfes linksgedrehtes Spiralgewinde genug Kraft überträgt, um die Reste der Madenschrauben zu lösen. Danach habe ich im Motorblock ein paar Stunden mit 'nem Fräser rumgefidelt, um Grate zu glätten. Nun sollten die gereinigten Kolben dann mit neuen Ringen eingesetzt werden, sämtliche Lagerschalen sahen übrigens super gut aus und zeigten nur minimale Gebrauchsspuren. Aber beim gründlichen Saubermachen des Blockes entdeckte ich dann in einem Zylinder folgende häßlichen Spuren:

Tja, damit war die Motorüberholung zum Billigtarif (einfach alle Lager tauschen) gestorben: und nun? Block auf den Müll? Sparschwein schlachten? Mal sehen...

Und erstmal ausprobiert, wie sich die Nockenwellenlager entfernen lassen. Dazu hat mir mein "Capri-Bekannter" Marko (aus Q.) folgende Teile gedreht (hier nochmals allerherzlichsten Dank an ihn):

Bauplan hierzu plus Nockenwellenmaße:

In der Zwischenzeit ist es etwas weitergegangen: der Motorblock wurde zum Aufbohren zum Motorenbauer gebracht, jeder Zylinder um 0,60 Zoll (1,5mm). Ebenso wurden die Dichtflächen leicht geplant und der ganze Klumpen gesäubert. Nach der Abholung habe ich den Motorblock mit VHT-Lack lackiert: Grundierung, Lack und Klarlack. Leider steht auf den Dosen (und der extra avisierten deutschen Verarbeitungsanleitung) nicht drauf, mit welchem zeitlichen Abstand man die Grundierung, den Lack und den Klarlack auftragen sollte. Ich habe es alles auf einmal, so im 15 Minuten Abstand, gemacht.

Die Kurbelwelle wurde an den Hauplagern auf 0,30 runtergeschliffen und an den Pleuellagern auf das gleiche Mass, ebenso ein neues Pilotlager eingesetzt und ein neues Steuerrad (aus einem Bausatz mit Aluminium-Nockenwellen-Steuerrad) aufgesetzt.

Aus meinen Fundus habe ich mir KS Übermasskolben in 95,121mm gepackt (sind ja schließlich gemacht, um im Motor zu rotieren und nicht im Regal zu vergammeln): Bild siehe Rubrik Motor. Diese Version hat gleichzeitig schwimmende Kolbenbolzen, was die Montage/Demontage von Kolben und Pleueln in Eigenregie zulässt. Dafür müssen jedoch die Pleuelaugen gebuchst werden (KS Buchsen 87 329 890 für BMW,4 028977 078200), was arbeitsintensiv (=teuer) ist. Dazu habe ich mir ARP-Pleuelschrauben gegönnt (ARPBE09: ebenfalls ferkelig teuer! Anziehen mit 67Nm): Pleuel wiegen mit Schrauben und Lagerschalen 798gr. Kolben lagen bei 840 gr. mit Ringen, Kolbenbolzen und Sicherungsringen. Auffällig: die Pleuelstangen sind ab Werk schon grob auf Gleichgewicht gebracht, teilweise war heftig am oberen Pleuelauge gefeilt und auch am unteren Lagerdeckel.

Die Kurbelwelle mit den ganzen dranhängenden Teilen dann in einen Briefumschlag gesteckt und ab damit nach Schwandorf zum feinwuchten, beim Essex hängen Ausgleichsgewichte an Riemen- und Kurbelwellenscheibe: full balance = Welle und Kolben mit Pleueln.

Und dann erstmal den ganzen Mist incl. neuer Ölpumpe und ARP Schwungscheibenschrauben (ARP FW01- 75Nm Anzug) und reichlich Zugabe von Graphogen-Paste zusammengebaut: